Archiv für die Kategorie „Allgemeines“

“Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.” (Hebräer 13,14)

Freitag, 1. Dezember 2017

Liebe Gemeinde,

wonach richten wir uns in unserem Leben aus? Was treibt uns an? Was wollen wir erreichen?

Wenn ich mir das Wort aus dem He-bräerbrief anschaue und dann auf die Menschen um mich herum blicke, kann ich nur sagen: Das Himmelreich spielt nur für wenige eine Rolle. Viele Menschen können diese Sehnsucht, wie sie der Autor des Hebräerbriefes zum Ausdruck bringt, sicherlich nicht verstehen. Meistens sehnt man sich doch nach irdischen Dingen, frei nach dem Motto: “Der Himmel kann warten.” Und was ist nicht alles erstrebenswert! Da geht es nicht nur um Wichtiges, Lebensnotwendiges wie Gesundheit; genügend Geld, um über die Runden zu kommen; Menschen, mit denen man reden kann und die einem zur Seite stehen. Nein, wir sehnen uns nach mehr. Und selbst wenn wir allen Luxus besäßen, wären wir wohl noch lange nicht zufrieden. Der Mensch ist selten mit dem zufrieden, was er hat.

Das wird gerade jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit wieder allzu deutlich, wo sich vieles nur um Geschenke, Wunschzettel und Rabatte in den Geschäften dreht. Man versucht, und das ist auch schön und wichtig, jemandem mit Materiellem eine Freude zu machen. Was aber dabei oftmals untergeht, ist der Sinn von Weihnachten und die Botschaft, die mit der Geburt des Kindes in der Krippe verbunden ist: Gott tritt in unser Leben und kommt uns ganz nahe. Und genau auf diesen Gott und die Zukunft, die er für uns bereithält, weist das Wort aus dem Hebräerbrief hin. Es zeigt uns, dass wir unser Leben nicht zu sehr auf Irdisches bauen sollten, so notwendig und so angenehm das auch manchmal sein mag. Es gibt für Christinnen und Christen Wichtigeres als das. Wir haben diese Dinge mit Blick auf die Ewigkeit nur einen Moment und für unser Seelenheil tragen sie rein gar nichts aus. Irgendwann müssen wir sie loslassen, denn das, was uns jetzt so wichtig erscheint, wird einmal vergehen. Und was bleibt dann? Wichtiger wäre es, angesichts dessen zu schauen, was mich auch in meinem Leben und Sterben wirklich tragen kann. Die Antwort darauf muss jeder und jede für sich selbst finden. Vielleicht ist es ja auch für Sie das Wissen um eine andere, göttliche Welt, oder, wie es im Hebräerbrief heißt, die zukünftige Stadt?

Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen eine besinnliche Adventszeit, ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr!

Michael Hilka

Liebe Gemeinde,

Donnerstag, 5. Oktober 2017

der Baum, der auf dem Foto abgebildet ist, steht im Garten des Ehepaares König. Er ist durch ein ehemaliges Zifferblatt unserer Turmuhr gewachsen, das vor vielen Jahren ausgetauscht wurde. Das Ehepaar König hat ihn auf dem Stamm eines alten Zwetschgenbaumes befestigt. Dieser war alt und ebenfalls unbrauchbar geworden, also wurde er gefällt, um Platz zu machen für dieses Zifferblatt. Wie sie sehen, hat der Baum neues Leben gewonnen.S22C-117082415290 Durch das Zifferblatt hindurch ist ein neuer Baum gewachsen. Es war noch genügend Kraft in diesem alten Stamm und seine Wurzeln haben ihn mit neuem Leben versorgt. Der neue Baum entspricht aber nicht dem alten. Es ist nicht der veredelte Zwetschgenbaum, sondern die ursprüngliche, wilde Zwetschge, die nun herangewachsen ist. Hildegard König-Grewenig hat für dieses Wahrzeichen des Lebens einen wunderbaren Spruch ersonnen: Er lautet:

Die Kraft der Wurzel

wächst durch die Zeiten.

Man kann es nicht treffender ausdrücken und dieses Sinnbild des Lebens macht deutlich, wie sehr wir aus unseren Wurzeln leben und wieviel Kraft, wir aus unseren Wurzeln ziehen. Um es bildlich zu sagen: Wir sind Kinder des Himmels und der Erde. Wir brauchen beides, um erfüllt leben zu können: Einen Ursprung, aus dem wir leben und ein Ziel, dem wir uns entgegenstrecken. So wie der Baum sich dem Licht entgegenstreckt, so sehnen wir uns nach Liebe, nach Güte, nach all dem, was unser Wesen reicher, schöner und größer macht.

Mir ist dieses Bild auch zum Sinnbild unserer Kirche geworden. Wir feiern in diesem Jahr den Thesenanschlag Martin Luthers. Es wurde der Initialschlag für eine Reformation, die die Kirche grundlegend veränderte.

Martin Luther wollte zurück zu den Wurzeln unseres Glaubens. Er wollte zurückkehren zu dem Menschen, den unsere Kirche als ihren Ursprung bekennt und aus dem sie lebt: Jesus Christus. In ihm sehen wir uns im Licht Gottes. Wir selbst brauchen nichts leisten, nichts darstellen. Gott liebt uns und wir brauchen zu dieser Liebe nur Ja sagen. Alles, was wir tun und an Frucht bringen, entspringt dem Glauben an diese Gnade Gottes. Wir wurzeln in der Liebe Gottes. Um diesem Glauben wieder Geltung zu verschaffen, hat er die Kirche grundlegend umgestaltet. Er hat den Baum radikal gestutzt und alles beseitigt, was diesem Glauben widerspricht. Aus der Wurzel wuchs dann ein neuer Baum. Für Martin Luther war diese Gestalt näher an der ursprünglichen Kirche.

Wir erinnern uns in diesem Jahr an diese Erneuerung, die von vielen Männern und Frauen ausgegangen und vorangebracht worden ist. Dieser evangelische Glaube ist immer noch lebendig. Er gibt uns Halt. Er trägt uns. Er nährt uns. Er gibt uns Kraft. Natürlich ist auch unsere Kirche nicht mehr dieselbe. Auch die evangelische Kirche musste sich in den letzten Jahren immer wieder reformieren, musste ihre Wurzeln neu in den Boden des Evangeliums strecken, um Gottes Liebe zu erfahren und zu erkennen, an welchen Stellen Reformation nottut.

Die Zeiten haben uns verändert. Wir haben lernen müssen, dass die Diakonie ein wesentlicher Bestandteil unserer Kirche ist. Wir haben lernen müssen, dass man Glauben nicht erzwingen kann und wir im Respekt vor dem Bekenntnis der anderen den Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen suchen müssen. Wir haben lernen müssen, dass Frauen in denselben Ämtern und Diensten zur Verkündigung des Evangeliums beitragen sollen. Wir haben 400 Jahre gebraucht, aber aus unserer Kirche sind Frauen als Pfarrerinnen und Prädikantinnen nicht mehr wegzudenken. Wir haben vieles lernen müssen.

Das ist eine der Stärken unserer Kirche. In dem sie sich dem Wort und dem Geist Gottes stellt und indem sie auf die Menschen achtet, kann sie sich immer wieder erneuern. In den letzten Wochen habe ich viel darüber nachgedacht, was für mich ganz persönlich wichtig ist an unserer evangelischen Kirche. Es ist die Freiheit des Glaubens, sich weiterzuentwickeln, ohne den Bezug zu seinen Wurzeln zu verlieren. Auch das macht mir das Bild des Baumes, der durch das Ziffernblatt wächst, deutlich: unser Glaube wächst mit und durch die Zeit.

Beten wir darum, dass Gott uns durch seinen Geist diese Kraft zu Erneuerung immer wieder zuteilwerden lässt und uns mit seinem Wort stärkt, damit wir Frucht bringen.

Ihr Jörg Beckers, Pfr.

Vielen Dank an Ruth König für das Foto.

Liebe Gemeinde,

Dienstag, 27. Juni 2017

wenn die Ferien im Saarland angefangen haben, ticken die Uhren gerade anders als sonst: Büros und Arztpraxen sind geschlossen oder haben nur eine Notbesetzung. Regelmäßig stattfindende Veranstaltungen legen eine Pause ein. Viele haben sich schon gleich auf den Weg in den Urlaub gemacht, um endlich einmal Zeit mit ihrer Familie zu verbringen und auszuspannen. Und die, die hiergeblieben sind, genießen die Sonnentage im Schwimmbad oder bei einem Eis in der Stadt. Alles steht unter dem Motto: „Einfach mal die Seele baumeln lassen.“ Das tut gut und hebt die Stimmung. Ich freue mich immer darüber, dass sich stressige Zeiten und der Alltagstrott mit Zeiten abwechseln, in denen Vieles leichter zu sein scheint. Und ich danke Gott dafür, dass es diese Abwechslung gibt.

Ob Gott eigentlich auch einmal – wie viele von uns – Urlaub macht und ausspannt? Man könnte geneigt sein zu sagen: „Das hätte er sich bei dem Stress, den er mit den Menschen hat, auch verdient!“ Aber die Frage ist definitiv mit Nein zu beantworten, denn anders hieße das ja, dass es Momente in unserem Leben geben müsste, in denen Gott nicht bei uns wäre, in denen er uns uns selbst überlassen würde. Das widerspräche aber sowohl Gottes Wesen als auch unserem Glauben, denn eine „gottlose“ Zeit oder einen „gottlosen“ Ort gibt es nirgends auf der Welt. Es ist gut zu wissen, dass Gott uns und unsere Lieben (und alle Anderen auch!) nicht aus den Augen verliert, egal wo wir gerade sein mögen: in Frankreich, Spanien, an der Nordsee oder daheim.

Psalm 121, ein Zuspruch und Segenswort, bringt das so auf den Punkt:

Ich hebe meine Augen auf

zu den Bergen.

Woher kommt mir Hilfe?

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß

nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels schläft

noch schlummert nicht.

Der HERR behütet dich;

der HERR ist dein Schatten

über deiner rechten Hand,

dass dich des Tages

die Sonne nicht steche

noch der Mond des Nachts.

Der HERR behüte dich

vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte

deinen Ausgang und Eingang

von nun an bis in Ewigkeit!

Möge Gott die Reisenden unter uns segnen und seine Hand über die halten, die zu Hause bleiben. Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete, schöne Ferienzeit!

Ihr Michael Hilka

Liebe Gemeinde,

Montag, 27. März 2017

auf dem Bild sehen Sie die Geschichte der Emmausjünger aus Lukas 24 dargestellt. Eine der schönsten Auferstehungsgeschichten, die uns die Bibel überliefert. Nach dem Tod Jesu verlassen zwei Jünger den Ort der Kreuzigung. Sie kehren in ihren Heimatort zurück. Alle ihre Hoffnungen, ihre Träume von einer neuen Welt sind zerstört. Die Beziehung zu diesem wundervollen Menschen scheint abgebrochen. Es gibt nichts mehr zu tun. Nichts mehr, was sie in Jerusalem hält. Im Gegenteil, sie wollen diesen Ort des Schmerzes und der zerstörten Hoffnungen verlassen. Sie brauchen Distanz in ihrer Trauer.

Also machen sie sich auf den Weg nach Hause und wollen in ihr altes, gewohntes Leben zurückkehren. Schon hier geschieht etwas Wunderbares, Kostbares, Not Wendendes. Hier tun sich zwei zusammen, die trauern. Sie teilen ihre Trauer, ihren Schmerz. Sie reden miteinander. Vielleicht mit wenigen Worten, stockend, mühsam, weil sie den Mittelpunkt ihres Lebens verloren haben. Aber sie reden. Sie leugnen nicht den Schmerz und das Dunkle. Sie lassen sich darauf ein und indem sie teilen, wird der Tod Jesu erträglicher.

Auf diesem Weg begegnet ihnen der auferstandene Christus. Aber die Jünger erkennen ihn nicht. Es heißt: „Ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.“ Michael Schibilsky hat dazu geschrieben: „Schöner und treffender lässt sich  kaum beschreiben, wie Trauernden zumute ist, was sie sehen und was sie nicht sehen können und wollen. Wie oft erleben Trauernde, dass sie von gutmeinenden Begleitern abgelenkt werden wollen, dass ihnen harmonische und versöhnliche Bilder vor Augen geführt werden – die Schönheit, die immer noch um sie herum da ist. Trauernde aber sehen anders als Nicht-Trauernde. Ihre Augen werden von der Trauer gehalten, festgehalten durch die Bilder von Tod und Sterben.“

Das braucht seine Zeit.

Jesus weiß darum und fragt sie nach dem, was sie miteinander besprechen. Er lädt sie zum Erzählen ein. Er lässt Nähe zu und öffnet sich. So können die beiden Jünger von Jesus erzählen, von seinem Leben und seinem Sterben. Und sie bringen auf den Punkt, was ihnen so weh tut. „Wir aber hofften, er werde Israel erlösen.“ Enttäuschte Hoffnungen sind ein wesentlicher Bestandteil von Trauergefühlen. Sie müssen zu Wort kommen. Sie brauchen Raum. Erst danach können sie sich öffnen für Trost und eine neue Perspektive.

Dabei hilft ihnen Jesus. Er hört erst zu, aber dann mischt er sich in ihre Trauer ein, mischt sich ein in ihre Sinndeutung des Lebens. Er lässt ihrer Trauer Raum, aber hilft ihnen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Er schimpft sogar mit ihnen, um ihnen nun die Augen zu öffnen: Dass dieser Weg nötig war, um Gottes Liebe und Macht deutlich zu machen.

Sein Sterben war nicht sinnlos, sondern hatte ein Ziel. Dieser Jesus besiegelt mit seinem Tod das, was er gelebt hat: die Liebe Gottes zu den Menschen. Daran hält er fest bis in den Tod. Dafür steht er mit seinem Leben ein.

Die Jünger spüren, wie gut ihnen dieser Mensch tut. Sie haben ihn immer noch nicht erkannt. Aber es tut gut, erzählen zu können, und er macht mit seinen Worten ihren Herzen Mut. Darum wollen sie, dass er auch in dieser Nacht bei ihnen bleibt. „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden ...“ Was für ein wundervoller Satz. Es ist der Satz aller Trauernden. Denn Trauer macht unser Herz dunkel und so klammern sie sich an jeden Funken Hoffnung, der in ihnen aufleuchtet.

Darum nötigen sie ihn, mit ihnen zu essen und erst da erkennen sie ihn. Erst als er ihnen das Brot bricht, werden ihnen die Augen geöffnet. Ihr Meister und Freund ist nicht im Tod geblieben, sondern wurde auferweckt von den Toten. ER LEBT! Jesus Christus ist auferstanden von den Toten. Gott hat ihn hindurchgebracht durch das Reich des Todes und ihn zu neuem Leben erweckt. Die Liebe Gottes ist mächtiger als alle lebensfeindlichen Mächte. Sein Wille, Leben zu schaffen und zu erhalten, ist größer als alles andere. Für die Jünger beginnt nun ein neues Leben.

Was den Jüngern gilt, gilt auch uns. Die Geschichte sagt in Worten und Bildern: Der auferstandene Christus begleitet Dich durch Dein Leben. Auch in schweren Zeiten bist Du nicht allein auf Deinem Weg. Diese Ostererfahrung ist nicht immer greifbar. Zweifel, Anfechtung, Resignation stehen dem oft im Wege. Aber Du darfst darauf vertrauen, dass Christus Dich auch darin begleitet und Dir hilft, Perspektiven und Lebenswillen zu finden.

Im Abendmahl haben wir ein Zeichen für diese Nähe und Gegenwart Christi. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal mit anderen Abendmahl feiern. Es stärkt uns mit der Kraft des Auferstandenen.

Ihr Jörg Beckers

Foto: Fenster mit Darstellung der Emmausjünger in der Ev. Kirche Saarlouis

Liebe Gemeinde,

Mittwoch, 22. Februar 2017

Ende Februar beginnt nach der ausgelassenen „Faasend“ die Passionszeit. Das ist die Zeit, in der wir des Leidens und Sterbens Jesu gedenken und unser eigenes Leben vor Gott bedenken. Es ist die Zeit, in der wir uns neu auf Gott ausrichten sollen. Wir sollen uns bewusst mit uns selbst und dem, was wirklich zählt, beschäftigen und es nicht übergehen oder im Trubel des Alltags untergehen lassen. Dafür braucht es Ruhe, das Gebet und einen ehrlichen Blick auf sich selbst.

Wenn ich einmal selbst aus mir heraustrete und mich von außen betrachte, was zugegebenermaßen nicht immer so einfach ist, sehe ich Dinge, die mir an mir nicht gefallen. Dieser unverstellte Blick auf mich selbst tut manchmal weh und ich frage mich dann, wie Gott wohl einige meiner Verhaltensweisen, Charaktereigenschaften und meinen Umgang mit Anderen sieht. Und weil ich die Antwort auf diese Frage sehr genau kenne, versuche ich, mich zu ändern.

Doch sofort rebelliert alles in mir, denn ich weiß genau: Wie oft habe ich schon versucht, mich zu ändern, und wie selten hat es geklappt! Der Mensch ist schwach und, was sich über Jahre und Jahrzehnte in einem eingeschlichen und ausgebildet hat, wird man nicht so einfach los, selbst wenn man es möchte. Einen inneren Schalter, den man umlegen könnte, gibt es nicht.

Was also tun? Die Jahreslosung für das Jahr 2017 lenkt unseren Blick auf Gott. Sie lautet:

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. (Hesekiel 36,26)

Gott weiß um die guten Fähigkeiten des Menschen, aber auch um sein Unvermögen, ganz seinem Willen zu entsprechen. Der Mensch bekommt es in den wenigsten Fällen alleine hin, das, was er gerne an sich abstellen würde, auch wirklich abzustellen. Aber, und das finde ich ungemein tröstlich, Gott kann es! Die Jahreslosung aus dem Buch des Propheten Hesekiel sagt ganz klar, dass Gott alleine die Initiative ergreifen wird, um den Menschen zu berühren, und dass ich selbst eigentlich nichts tun kann. Er ist es, der Herz und Geist, Denken und Fühlen des Menschen einmal verändern wird. Was dem Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich! Freilich muss ich das auch wollen und dafür bereit sein, denn wenn ich mich verschließe und gar nicht an mir arbeiten will, wird auch Gott in mir nichts bewegen.

Die Passionszeit lädt uns also ein, uns bewusst mit uns zu beschäftigen und unser Leben im Gebet vor Gott zu bringen. Bitten wir ihn, uns zu helfen, uns immer wieder auf ihn und an seinem Willen auszurichten! Möge Gott das Seine zu unserem Wollen dazutun! Und selbst, wenn wir immer hinter dem zurückblieben, wie wir sein sollten: Ein Blick voraus auf den Tod Jesu an Karfreitag und seine Auferstehung an Ostern genügt, um zu sehen, auf wessen Seite Gott steht – um Jesu willen nämlich auf unserer. Er hat das Seine eigentlich schon dazugetan!

Ihr Michael Hilka

Liebe Gemeinde,

Montag, 28. November 2016

nichts rührt uns so an wie die alten Lieder und Geschichten in diesen Advents- und Weihnachtstagen, die von dem Kind im Stall erzählen, von Maria und Josef auf ihrer Herbergssuche, von den Hirten auf dem Felde und den Königen, die kommen, um das Kind anzubeten. Vieles davon ist uns tief vertraut, anderes leuchtet nur im Hintergrund auf.

So ist es mir bis jetzt mit Maria gegangen. Anders als im katholischen Glauben, wo sie einen zentralen Platz in der Frömmigkeit besitzt, spielt die Gottesmutter, die reine Magd, im evangelischen Glauben keine hervorgehobene Rolle mehr. Eine Anbetung ist sogar völlig ausgeschlossen. Dabei hat Luther doch immer mit herzlicher Zuneigung und großer Verehrung von Maria gesprochen. Für Luther ist Maria die exemplarisch Glaubende, denn sie ist der Inbegriff der Demut, ohne die kein rechter Glaube empfangen werden kann.
Meint: Vor Gott können wir nichts mitbringen oder etwas durch menschliche Leistung oder Arbeit erlangen. Glaube ist ein Geschenk. Das ist nun typisch evangelisch.

Deutlich wird das im Lobgesang Marias, im Magnificat in Lukas 2. In einer Auslegung, die dem 18-jährigen Herzog Johann Friedrich gewidmet ist, macht Luther deutlich, was Maria uns bedeutet. Dort lobt Maria Gott mit den Worten:

Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Namen heilig ist. Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht. Lukas 2, 46 ff.

Maria ist in Luthers Augen die vorbildlich Glaubende, weil sie sich Gott ganz anvertraut. Das ist weit davon entfernt, Frauen in der Gesellschaft die Rolle der Magd zuzuweisen oder sonst ein bestimmtes Rollenverständnis zu postulieren oder zu konstruieren. Im Gegenteil: Für Luther übernimmt Maria hier eine, wenn nicht die entscheidende Rolle in der Verkündigung. Mit ihrem Lobgesang weist sie weg von sich auf Gott hin. Gott macht gerecht. Verkündigung ist also nicht an Stand, Rang, Ansehen, Geschlecht, Vermögen oder eine sonstige menschliche Leistung gebunden. Und Demut und Niedrigkeit meint eben nicht, dass man sich vor Menschen klein macht oder dass Frauen in untergeordneten und (von Männern) festgelegten Rollen verharren. Im Gegenteil: Demut meint, unabhängig von Stand und Ansehen und Reichtum auf Gott schauen und seinem Wort gehorchen. Vor Gott gibt es keine Unterschiede. Das gibt eine unglaubliche Kraft und Freiheit.

Wir sind heute, was die Gleichberechtigung von Frau und Mann angeht, Gott sei Dank ein gutes Stück weiter. Für uns ist es z. B. selbstverständlich, dass Frauen alle Ämter, die diese Gesellschaft zu vergeben hat, innehaben dürfen. Auch eine Bundeskanzlerin ist uns selbstverständlich. Das hat lange gedauert und war für Luther noch nicht denkbar. So haben wir auch als evangelische Kirche lange gebraucht, bis wir Frauen die Ordination möglich machten und Pastorinnen auf die Kanzel steigen durften. Aus unserer heutigen Sicht ist das unverständlich: Ist doch Maria die erste Verkünderin. Gut, dass ihr weitere gefolgt sind und folgen. Sie machen unsere Verkündigung reicher. Auch das ist inzwischen gut evangelisch und ich möchte nicht mehr darauf verzichten. Luther hat dazu mit seiner Glaubensfreiheit die Grundlage gelegt.

Ihr Jörg Beckers

P.S.: In diesem Sinn passt es doch gut, dass unsere größte „neue“ Glocke Maria heißt und nun ihre Stimme erhebt, um mit wunderbarem Klang die Menschen zum Gottesdienst einzuladen.

Liebe Gemeinde,

Donnerstag, 29. September 2016

„Wir Evangelischen kennen die Bibel“, sagte einmal eine Frau in der Frauenhilfe zu ihrer katholischen Sitznachbarin und meinte damit, dass man früher in der Konfirmandenzeit viele Psalmen, Gebete und wichtige Bibeltexte auswendig lernen musste. Und in der Tat haben viele Ältere aus der Kirchengemeinde das alles bis heute im Gedächtnis. Wenn ich etwa auf dem Friedhof stehe und den Psalm 23 mit „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“ anstimme, sehe ich, wie viele der Anwesenden leise mitbeten können. Oder wenn ich im Seniorenheim die Abendmahlsworte „Der Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot …“[1] laut spreche, bewegen sich die Lippen der Bewohnerinnen und Bewohner mit. Sie sind mit der Bibel groß geworden.

„Wir Evangelischen kennen die Bibel“, sagte die Frau und meinte damit die Lutherbibel. Diese ist die Bibelübersetzung aus dem Hebräischen und Griechischen, den Ursprachen der Bibel ins Deutsche. Martin Luther selbst begann damit 1521 in seinem Exil auf der Wartburg und überarbeitete den Text bis 1545 immer wieder sprachlich.

Zwischen 1545 und heute liegen nun aber mehrere Jahrhunderte und die deutsche Sprache hat sich weiterentwickelt. Vieles aus der Übersetzung von 1545 wurde in der Zeit danach unverständlich. Aus diesem Grund hat man den Luthertext in mehreren Etappen der Gegenwartssprache behutsam angepasst. Die derzeit in den evangelischen Kirchen maßgebliche Ausgabe stammt aus dem Jahr 1984.

Die Texte aus der Lutherbibel sind die Texte, die die Evangelischen im Ohr und im Herzen haben. Sie kennen ihre Sprache, die bisweilen für heutige Ohren antiquiert und fremd klingt, aber eine ungeheure Sprachkraft besitzt und die die deutsche Sprache stark beeinflusst hat. Sprichwörter wie „Hochmut kommt vor dem Fall“[2], „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“[3], „sein Licht unter den Scheffel stellen“[4] oder „sein Scherflein beitragen“[5] stammen aus der Lutherbibel.

„Wir Evangelischen kennen die Bibel“, sagte die Frau. Sie ist aber mit eine der letzten, die das sagen kann, und damit geht gleichzeitig auch ein großer Schatz aus biblischen Geschichten, Gebeten und Bildern verloren, auf den man in allen Lebenslagen zurückgreifen kann. Wie viele Menschen haben aus der Vision des Johannes, in der er einen neuen Himmel und eine neue Erde sieht, die Gott schaffen will[6], angesichts des Sterbens Kraft gezogen! Wie viele Menschen sind unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“[7] für eine Welt ohne Waffengewalt eingetreten! Wie viele Ehepaare haben unter Verweis auf Jesus Christus ihre Ehe geführt und auch, wenn es sein musste, um sie gekämpft!

„Wir Evangelischen kennen die Bibel“, sagte die Frau. Auch wenn das nur noch für einen Teil unserer Gemeindeglieder stimmen dürfte, so hat vielleicht doch der ein oder andere jetzt Lust bekommen, die Bibel wieder einmal aufzuschlagen. Ein Anlass dazu könnte sich (zum Beispiel) ab dem 19. Oktober bieten, wenn eine neue Lutherbibel in den Handel kommt. In mühsamer Kleinarbeit hat die Evangelische Kirche von Deutschland die Lutherbibel (nun) noch einmal sprachlich überarbeiten, Übersetzungsfehler ausmerzen, viele Stellen genauer übersetzen, Kapitelüberschriften verändern und das Layout moderner gestalten lassen. Dabei wurde versucht, die gewaltige Sprachkraft Luthers zu erhalten. Bekannte Texte, die sich tief in das Bewusstsein der Evangelischen eingegraben haben, wurden deshalb kaum angerührt. So werden wir an Weihnachten immer noch „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“[8] hören – so, wie wir es kennen, und nicht etwa in modernem Deutsch: „Zu jener Zeit hat Kaiser Augustus angeordnet, dass sich alle Menschen in seinem Reich in Steuerlisten eintragen sollen.“

Eigentlich spielt es aber keine Rolle, welche Bibelübersetzung wir benutzen. Dem einen gefällt eher der klassische Luther, einen Anderen spricht eine Übersetzung in modernes Deutsch[9] an und wieder ein Anderer sucht vielleicht eine sehr wörtliche Übertragung[10]. Jeder kann die für sich passende Übersetzung finden, mit der er gut zurechtkommt. Hauptsache ist, dass das Wort Gottes gelesen und mit ihm gelebt wird.

„Wir Evangelischen kennen die Bibel“, sagte die Frau. Ich sage: „Wir sollten sie kennen.“ Über Generationen hinweg haben die biblischen Geschichten, Gebete und Texte die Menschen begleitet, getröstet, zum Danken angeregt, inspiriert. In ihnen wird vom Fundament unseres Glaubens erzählt. Aus ihnen erfahren wir, wer und wie Gott ist. Die Bibel sollte die geistliche Heimat der Christinnen und Christen sein.

Ich kann Sie nur ermutigen, die Bibel wieder einmal in die Hand zu nehmen, darin zu stöbern, einzelne Texte zu lesen. Vielleicht beginnen Sie mit dem kurzen Markusevangelium oder mit den bekannten Geschichten aus dem 1. Buch Mose. Das ist nicht viel und die Texte sind ansprechend. Und wenn Sie Fragen haben, fragen Sie uns! Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit der Bibel und gute Entdeckungen!

Ihr Michael Hilka


[1] 1. Korinther 11,23-25

[2] Sprüche 16,18

[3] Prediger 10,8; Sprüche 26,27

[4] Matthäus 5,15

[5] Markus 12,42

[6] Offenbarung 21,1-5

(7) Micha 4,3

(8) Markus 10,9

(9) z. B. Gute Nachricht Bibel

(10) z. B. Elberfelder Bibel