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„Gemeinsam erreichen wir mehr“
Zehn Jahre Mehrgenerationenhaus in Saarlouis

Das Saarlouiser Mehrgenerationenhaus sieht Jörg Beckers als „große Chance“. Denn die Frage sei für ihn: „Wie kann man Häuser schaffen, in denen die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft stärker berücksichtigt werden?“ Und so hat der Saarlouiser Gemeindepfarrer das Mehrgenerationenhaus im Evangelischen Gemeindehaus im Saarlouiser Stadtteil Steinrausch vor zehn Jahren mit aus der Taufe gehoben.  Das Motto von Anfang an: „Gemeinsam erreichen wir mehr.“ Denn getragen wird die Einrichtung gemeinsam von der Kirchengemeinde, die das Gemeindezentrum unterhält, und der Stadt Saarlouis.  Das Jubiläum wird nun am 27. Oktober mit einem Festakt gefeiert.

2000 Nutzer pro Monat

Auch der Leiter des Hauses, Christian Gräber (45), zieht eine weitgehend positive Bilanz. Die Nutzerzahlen verdoppelten sich in den ersten sieben Jahren und bewegen sich seinen Angaben zufolge heute weiter bei rund 2000 pro Monat. Dabei gibt es Angebote für Senioren sowie für Kinder- und Jugendliche.

Der Stadtteil hat eine spezielle Sozialstruktur. Vor 50 Jahren wurde er auf der Grünen Wiese erbaut, um Wohnraum für die Mitarbeiter der Ford-Werke und der Dillinger Hütte zu schaffen. Viele kamen von Außerhalb und hatten kaum familiäre Bindungen im Saarland. „Steinrausch hat keine gewachsenen historischen Strukturen“, analysiert der Soziologe Gräber. Und jetzt sind die Bewohner „in einem Alter, wo man zunehmend mit Gebrechen und Immobilität zu kämpfen hat“. Viele sind auf sich gestellt, da die Kinder oft weggezogen sind.  Zudem gibt es die Tendenz, sich im Alter in die eigenen vier Wände zurückziehen, berichtet Gräber. Gleichzeitig ist der Stadtteil im Wandel, viele junge Familien ziehen in die beliebte Wohngegend. Die Seniorenarbeit nimmt breiten Raum ein. Als eine Art „Lockvogelangebot“ können sich die Bürger einmal im Monat an einem Frühstücksbuffet oder am Mittagstisch laben, zu denen 30 bis 40 Gäste ins Mehrgenerationenhaus kommen. Auch die Kaffeetafeln sind sehr beliebt. Und seit vier Jahren kommen dienstags und donnerstags etwa 50 Senioren Gäste in die „Sozialküche“ zu Mittagessen, das eine Köchin mit bis zu fünf Helferinnen vorbereitet.

Im Sommer 2016 besuchte die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin, Annegret Kramp-Karrenbauer, das Mehrgenerationenhaus und half in der Sozialküche. Foto: MdG

Im Sommer 2016 besuchte die ehemalige saarländische Ministerpräsidentin, Annegret Kramp-Karrenbauer, das Mehrgenerationenhaus und half in der Sozialküche. Foto: MdG

Menschen dürfen nicht vereinsamen

Das Essen ist eher Mittel zum Zweck, sagt Gräber. Es geht vor allem darum, dass die Menschen im Alter nicht vereinsamen. Und gleichzeitig zu hören, wo der Schuh drückt, um das Angebot darauf auszurichten. Das reicht von Medienbildung über eine Computer-Gruppe, wo die älteren Menschen Probleme und Fragen klären können, bis hin zu Singkreisen ohne großen musikalischen Anspruch und Malen. Geleitet werden die Kurse von Ehrenamtlichen oder – wo Bedarf auftaucht – von Honorarkräften. Um diejenigen, die ihr Haus nicht mehr verlassen können oder wollen, kümmert sich ein Seniorenbesuchsdienst. Derzeit schenken drei Frauen 15 Senioren ihr Ohr. Dabei werde oft auch ein „Frühwarnsystem“ aufgebaut, etwa um rechtzeitig zu erkennen, wenn sich eine Demenz anbahnt.

Bei der gesamten Arbeit gehe es darum, verlässliche Beziehungen mit den Menschen aufzubauen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Bei den gemeinsamen Unternehmungen seien schon einige Bekanntschaften bis hin zu Freundschaften entstanden, erzählt Gräber. Als vollen Erfolg wertet er auch die Arbeit mit Kindern. Beliebt bei jungen Eltern seien die sogenannten PEKIP-Kurse, wo Babys zusammen spielen und ihr erstes soziales Erleben haben. Sehr gut funktionierten auch die Mentorenprojekte. So seien die Lehrer benachbarter Schulen von den Lernerfolgen durch Lesepatenschaften begeistert. Dabei beschäftigen sich die Paten im Alter zwischen Mitte 50 und 85 mit einzelnen Schülern der 5. bis 8. Klasse, die oft zu Hause keinen verlässlichen Ansprechpartner hätten. Nach Angaben der Lehrer machten die betreuten Kinder nicht nur beim Lesen, sondern insgesamt in der Schule und fürs Leben große Fortschritte.

Ansonsten seien generationenverbindende Projekte schwierig. Sie seien oft weder von den Senioren noch den jungen Leuten gewünscht, hat Gräber festgestellt. Größtes „Sorgenkind“ ist für den Leiter die Jugendarbeit, wie in anderen Einrichtungen auch. Anfangs seien noch offene oder gesundheitspräventive Treffen und ein Internet-Café von jungen Leuten zwischen 14 und Mitte 20 gut besucht gewesen. Aber jetzt „erreichen wir die Jugendlichen nicht mehr“. Internetcafés seien nicht mehr zeitgemäß, „wo jeder das Internet quasi mit sich in der Hosentasche herumträgt“. Hinzu komme die Nachmittagsbeschulung und Ganztagschule, „Die Kids von heute sind nicht mehr um 15 Uhr zu Hause, sondern teilweise erst um 16 oder 17 Uhr, und haben dann noch eine To-Do-Liste für die Schule und ein Privatleben, dass sich in Vereinen abspielt.“ Es fehle die Zeit und die Motivation, um am Abend noch zu einem offenen Treff zu gehen.

Weit mehr als ein Dutzend Vereine und Verbände – wie Turn- oder Schachverein oder Chöre – nutzen die Räume zu günstigen Konditionen. Dafür müssen sie sich für die Allgemeinheit öffnen, Teil des Mehrgenerationenhaus werden und Ideen entwickeln. Das sei für Vereine und Gruppen auch eine „win-win-Situation“, da sie oft nach Nachwuchs suchten.  Zudem bereicherten sie das Haus durch Veranstaltungen, wie Theateraufführungen oder Auftritte der Minis im Gardetanz oder von Gruppen des Turnvereins. Sowohl die Stadt als auch die Gemeinde wollen die Arbeit des Mehrgenerationenhauses weiter unterstützen. Gemeindepfarrer Beckers erhofft sich, dass sich künftig die Gemeinde wieder stärker inhaltlich einbringen kann. Das sei leider angesichts zweier längerer Vakanzen auf der zweiten Pfarrstelle in den letzten Jahren etwas kurz gekommen sei.

Auch der Kirche sei die Sozialarbeit sehr wichtig, betont Beckers.  Für sie gehe es aber um mehr, etwa um Bildung und Glaubensfragen. Dabei setzt er auf seinen neuen Kollegen.  Volker Hassenpflug hat sein neues Amt erst im August angetreten und ist für das Haus im Steinrausch zuständig ist. Dieser habe einige vielversprechende Ideen, um das Angebot auch im Mehrgenerationenhaus wieder spiritueller zu gestalten.

Das Mehrgenerationenhaus „Miteinander der Generationen“ feiert am Sonntag, 27. Oktober sein 10-jähriges Bestehen. Die Feierlichkeiten beginnen um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst in den Projekträumen in der Konrad-Adenauer-Allee 138 im Saarlouiser Stadtteil Steinrausch. Im Anschluss findet ein gemeinsames Mittagessen statt, ehe am frühen Nachmittag ein buntes Programm aus Präsentationen und Mitmachaktionen, gestaltet von den Projektpartnern, startet.

Eröffnung des Mehrgenerationenhauses vor zehn Jahren. Alle, die sich für das Projekt engagiert hatten, präsentierten sich in gelben T-Shirts auf der Bühne. Foto: MdG

Eröffnung des Mehrgenerationenhauses vor zehn Jahren. Alle, die sich für das Projekt engagiert hatten, präsentierten sich in gelben T-Shirts auf der Bühne. Foto: MdG